1. Die Reise beginnt: Mein Erstes Mal auf einer Fetisch-Party

Heute ist es Montag, der 13.11.2017 um 11.29 Uhr und mein Kopf dröhnt immer noch – ich habe Kopfschmerzen und Muskelkater. Denn so lange wie am Samstag stand ich schon lange nicht mehr in High Heels. In der Regel mag ich es bequem in Turnschuhen und Jeans oder auch mal einer Leggins, denn ich arbeite meist Zuhause als Selbständige und manage unsere 3 Kinder.

Einige Freunde haben mich eingeladen zu einer Modenschau („Avantgardista“ ) für feinste Fetischmode, Latex und Leder mit anschließender Party („Space Intruders“). Aus ganz Europa und sogar aus den USA reisen Menschen für diese Veranstaltung an. Was ich dort sehe: Pure Kreativität, hochwertigstes Material und eine Hymne an die Sinnlich – und Menschlichkeit. Auf dem Laufsteg gehen echte Menschen: Lange, dicke, dünne, alte und junge und das Publikum ist wertschätzend und anerkennend. Und eines spürt man auch: Jeder ist in Ordnung so wie er/sie ist! Menschen erfüllen sich einen jahrelangen Traum in einem bestimmten Kostüm oder mit einer verrückten Maske herum zu laufen.

Es herrscht eine positive und entspannte Stimmung und es ist alles irgendwie normal. Längst nicht so ausgeflippt wie ich es erwartet hätte. Denn jeder ist doch irgendwie ausgeflippt, oder?

Witziger weise traf ich eine Mutter, die ihre Tochter im gleichen Waldkindergarten wie ich hatte. Sie geht schon einige Jahre auf diese Partys. Erst ist es mir ein bisschen peinlich und ich laufe rot an, doch dann finde ich es um so cooler, denn welche Waldmutti macht das schon? Immerhin waren wir nun schon zu zweit und mir schien das ganze dadurch nochmal „mehr normal“.

Ein Freund, der Model ist, lief für einen Englischen Designer auf der Modenschau und bekam vom Veranstalter zwei kostenlose Eintrittskarten für die Party. Eine davon schenkte er mir. Ich war ziemlich überrascht und unsicher: eigentlich wollte ich nach der Modenschau nach Hause gehen, doch nach dem mir meine Freunde versicherten, dass sie ein passendes Outfit für mich hätten und das ja wirklich eine tolle Chance sei, gewann die Neugierde und ich blieb.

Auf zum Parkplatz, ab in den VW-Bus zusammen mit dem einen befreundeten Pärchen. Die Vorhänge wurden zugezogen, wir lachten viel und hielten nichts mehr hinterm Berg. Andreas war schnell umgezogen und ging schon mal voraus. Die Frauen: Lippenstift nachgezogen, Lederröcke und Gürtel an – Andrea ist super ausgestattet, obwohl sie selbst noch nie auf so einer Party war und in ihrem VW-Bus scheint sie einen kompletten Hausrat plus Kleiderschrank zu haben – und ab durch die Kälte wieder zurück.

Angekommen trafen wir auf die verrücktest verkleideten Menschen, die sich treiben ließen zur Musik. Mir platzte schier das Trommelfell, denn ich bin Musikerin und habe ein feines Gehör. Die paar Male, die ich in meinem Leben in Clubs war (fand ich noch nie so spannend!) habe ich meist mit Ohrenstöpseln ausgestattet verbracht, doch da ich ja unvorbereitet war, hatte ich keine dabei. Die Servietten haben da auch nicht wirklich geholfen.

Was mir sofort auffällt: Ich kann mich frei bewegen! Und das auf einer Fetisch-Party? Dreht sich hier nicht alles um das eine? Da läuft eine einzelne Frau durch die Menge und wird nicht angegrabscht und angebaggert,…? Nun gut: Ich war mit langem Lederrock und der aus Frostschutzgründen meist komplett geschlossenen Lederjacke auch nur sehr dezent sexy gekleidet. Außerdem hielt ich mir die meiste Zeit die Ohren zu, was auch nicht sehr einladend ausgesehen haben muss aber trotzdem:

Das konnte ich kaum glauben! Das kannte ich von Partys bis jetzt nicht. Offensichtlich geht es auf einer Fetisch-Party gesitteter und respektvoller zu, als in normalen Club.  

Zwar habe ich mich etwas unbeholfen gefühlt, da ich zu der Musik nicht richtig tanzen konnte (ich brauche Melodien!) aber sonst war es der entspannteste Clubbesuch aller Zeiten. Selbst wenn ich in der Vergangenheit mit Freunden oder meinem Mann zusammen in einem Club war, wurde ich mindestens einige Male angeglotzt, angemacht… . Den Respekt, den man schon bei der Modenschau gespürt hat, setzte sich also auch auf der Party fort. 

Nach kurzer Zeit bekamen zwei Freunde und ich großen Hunger, also sind wir rüber gegangen in die Lounge. Zwischen Kerzenschein und lauter lustiger Gestalten sitzen wir gemütlich und essen Reis mit Gemüse (wann habe ich schon einmal so leckeres und gesundes Essen auf einer Party gegessen?). Viele sind verkleidet, maskiert, spielen eine komplett andere Rolle als in ihrem Alltagsleben, im selben Moment zeigen sie aber auch ihre wahren Bedürfnisse und lassen die Masken fallen. Diese Atmosphäre lädt mich ein es ihnen gleichzutun, denn es sind ja so wie so alle verrückt und gleichzeitig alle normal. Die Gespräche sind brutal ehrlich und handeln von Gott und der Welt, Beziehungen und Sex. Es wird viel gelacht und viel gelernt! Was für eine geniale Mischung! Hier geht es mir besser und ich merke wieder einmal, wie sehr ich es liebe mich mit tollen Menschen ehrlich zu unterhalten. Genau das Gegenteil eben vom meist oberflächlichen Mutti-Geredete, das so häufig von Kinderkrankheiten oder Unzufriedenheiten handelt. So tanke ich auf und bekomme wieder neue Energie.

Gestärkt wieder zurück ist die Musik noch lauter, es ist noch voller und eine Artistin tanzt am Seil hängend, große Astronauten-ähnliche Figuren tanzen durch die Menge – wirklich abgefahren. Lost in Space! Ich fühle mich eher wie in einem Museum als wie auf einer Party und schaue mich mit staunenden Augen um.

Sehr hilfreich ist auch, dass ich nicht alleine hier bin, denn das gibt mir Sicherheit und ich kann immer wieder zu meinen Freunden „zurück kehren“. Freunde zu haben, denen man blind vertraut, das ist einfach unersetzlich, denke ich! Alleine hätte ich mich das alles sowie so nie getraut! 

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Nach kurzer Zeit möchten die eine Freundin und ich nach Hause gehen. Wir laufen Backstage zu unserem Bekannten, der als Model mitgelaufen ist. Er und seine Freundin sitzen knutschend auf einer Bank und erzählen lachend, dass sie in einen Keller geraten seien, in dem es zwei miteinander getrieben hätten. Sie seien erschrocken wieder hochgekommen.

Andrea und ich schauen uns an: „Waaaas, es gibt hier einen Keller? Das müssen wir noch sehen bevor wir gehen!“ Wir lachen und gehen ein Drittes Mal zurück und zielstrebig in den Keller. Eine kleine, unscheinbare Treppe führt hinunter in den Keller. Aber in einen wirklichen Keller, der sogar leicht muffig riecht. Julius hatte Recht: Hier ging es munter zu. Überall stehen Böcke, eine Schaukel, Balken … ein Mann lässt sich genüsslich und langsam auf verschiedenste Arten von einem Profi auspeitschen, eine Frau liegt zwischen sechs Männern, die sie lustvoll betrachten und lässt sich fingern und und und … überall stehen Menschen und schauen, knutschen, … oder es gibt den ein oder anderen Blowjob. Andrea und ich stellen uns in den Gang und unterhalten uns. Es wird ziemlich voll und ein Mann stößt mit uns zusammen. Wir kommen ins Gespräch und schnell finden wir heraus, dass er ein Dom ist und Paddels (Werkzeug für BDSM) herstellt. Auch hier überrascht mich wie ehrlich und direkt ich mich unterhalten kann. Das fällt mir normalerweise eher schwerer. Er scheint das regelrecht zu fördern, da er selbst offen und ehrlich ist und all seine sexuellen Vorlieben auszuleben scheint. Hier geht es mir wieder so: Das Geschehen drum herum beflügelt zwar auch die Fantasie aber da schau ich nur mal aus dem Augenwinkel hin. Das Gespräch bannt mich viel mehr. Wie ist das als Dom? Was hat er davon? Warum, weshalb und überhaupt?

Er sagt, dass 80% der Frauen auf SM stehen. Die meisten wissen es nur noch nicht, denn wenn sie es einmal ausprobiert haben, wollen sie mehr. Ich könne es gerne einmal versuchen und er gäbe mir hier ein paar auf den Hintern. Ich muss lachen und lehne aber ab. Gleichzeitig spüre ich ein Kribbeln und eine Neugierde. Im Alltag und in der Familie bin ich ein ziemlicher Kontroll-Freak. Die Vorstellung einmal komplett die Kontrolle abzugeben, sich fallen zu lassen und nicht zu wissen was als nächstes passiert, find ich sehr reizvoll.

Trotzdem möchte ich das Vertrauen, das mein Mann und ich in 10 Jahren aufgebaut haben nicht auf Spiel setzten. Ich selbst würde es mir auch wünschen, dass er mit mir über so ein Bedürfnis, so eine Neugierde vorher spricht. Also antworte ich: „Ich klär das mal Zuhause ab und melde mich!“ Wir tauschen Kontaktdaten aus und mein Mann hat dann Zuhause dankbar und locker reagiert: „Für mich wäre das nichts, aber wenn Du es ausprobieren willst…!“ 

So muss es kleinen Kindern geben, die noch pure Neugierde sind (bevor es einem durch Schule und Co. Stück für Stück aberzogen wird): Eigentlich war ich tot müde, konnte kaum mehr stehen aber ich war so fasziniert von allem, dass ich es erst um 2.30 Uhr langsam geschafft habe zu gehen. Meine schon vor Müdigkeit schwankenden Kinder pflegen trotzig zu sagen: „Mama, ich WILL aber noch nicht schlafen!“ Genau so habe ich mich gefühlt.

Ein 60-jähriger Freund, der auch dabei war, sagte mir: „…und plötzlich fühlt man sich wieder jung!“ 

So muss es einem leidenschaftlichen Forscher gehen, der plötzlich nach stundenlanger Arbeit endlich einen seltenen Knochen ausgräbt oder ein Mathematiker, der durch die Entdeckung einer neuen Formel eine ganze neue Welt auftut…. Es lässt bei mir zwar nun etwas nach. Aber selbst zwei Tage und zwei Orgasmen später fühle ich mich immer noch wie eingesaugt, einmal durchgewirbelt und an einem anderen Ort wieder ausgespuckt. Ein bisschen wie unter Drogen. Neugierde IST wie eine Droge. Auch wenn ich noch nie welche genommen habe (ich war ja noch nicht einmal im Leben richtig betrunken, wie gesagt: Ich bin ein Kontrollfreak!), kann ich mir vorstellen, dass es sich ähnelt.

War ich froh, dass ich das Auto quasi vor der Tür geparkt hatte (das Kesselhaus ist ein genialer Veranstaltungsort mit riesigem Parkplatz vor den Türen). Durch Regen, Wind und über den matschigen Parkplatz gelaufen, in zwei Jacken eingemummelt, in eine Decke gehüllt und ab nach Hause. Auf dem Weg durch die dunklen, ausgestorbenen Straßen nach Hause ziehen mir 1000 Bilder durch das innere Auge und ich schweife ab, muss mich ernsthaft zusammenreißen und auf die Straße schauen. Plötzlich wird mir eines klar: Als meine Mutter vor 15 Jahren nach 18 Jahre Ehe und vier Kindern in ihre sexuelle Freiheit gegangen ist, muss es ihr ähnlich ergangen sein, denn schon damals ist sie in New York auf solche Partys gegangen. Die Waldmutti erzählte mir, dass die SubRosaDictum-Partys vor fünf Jahren noch in kleiner Runde stattfanden und in den letzten Jahren gab es einen riesigen Boom, das heißt also JETZT ist sexuelle Freiheit langsam etabliert und in der Bürgermitte angekommen. „Wow“, denke ich, „sie ist eine wahre und mutige Pionierin, eine Wegbereiterin!“ Dieser Abend erinnert mich daran und ich bin unheimlich dankbar! Auf einmal spüre ich, wie sich mein Magen zusammenzieht, denn all die Jahre habe ich das nie wirklich wertgeschätzt und hatte ein festgefahrenes Bild wie das Leben, Sex und Beziehungen ablaufen sollten… Sexualität und Erotik haben mich als Jugendliche nicht so groß interessiert und viel gesprochen haben wir darüber nicht aber ihr Weg in die Freiheit und ihr Mut steckt mich an. Schon damals riss ihre Power mich gewissermaßen mit: Zur selben Zeit habe ich mit 13 Jahren mit meinen Freundinnen die Girl-Group „The Pretty Girls“ gegründet und wir hatten internationalen Erfolg.

Auch wir sind bei Modenschauen, die sie mit organisierte in Hawaii und New York mit den unterschiedlichsten Frauentypen mitgelaufen und hatten den Spaß unseres Lebens: Wir waren pure Lebensfreude, Weiblichkeit, Schönheit und ein echtes Team. Das war 100% mein Ding und die Bühnen der Welt mein zweites Zuhause.

Mir fällt ein, dass meine Sitznachbarin in der Schule einmal tief beeindruckt zu mir sagte: „Hazel, Du siehst echt happy aus!“ Ja, ich war glücklich und mir wird gerade bewusst: genau das ist mir in letzter Zeit etwas abhanden gekommen, ich war in einem falschen Film und ich möchte meine Erfahrungsschätze aus der Vergangenheit wieder ausgraben und integrieren.

Angekommen pfeffere ich meine matschigen High Heels in die Ecke und trinke noch einen Schluck Wasser. Dann halt ich es nicht aus, gehe zielstrebig hoch ins Schlafzimmer, reiße meinem verschlafenen Mann die Decke vom Leib, meinen Lederrock ziehe ich nach oben und los geht ein wilder und lustvoller Ritt.

Dann habe ich 4 Stunden durchgeschlafen und bis  um 12 Uhr weiter herumgedöst. War ich froh, dass mein Mann die Kinder gemanaged hat… und seither rattert es ununterbrochen in der Birne, die Bilder ziehen wie eine Diashow vor meinem inneren Auge vorbei. Immer wieder und immer wieder.

Zwar kann ich gar nicht genau beschreiben, was mich so fasziniert und warum mich das alles so anzieht aber irgendetwas in mir brennt nur so darauf weiter zu forschen. Plötzlich fühle ich mich also wieder wie ein neugieriges Kind. Das ist so ein geniales Gefühl, das ganze weitere Leben kann gerne so weitergehen, denn es gibt einfach so viel auf der Welt zu entdecken.

Meiner Mutter, Susanne Wendel und dem genialen Avantgardista-Team, die mutig für Freiheit und Menschlichkeit voranschreiten, meinen riesen großen Dank für diese unbeschreibliche Erfahrung, die ich nur jedem erwachsenen Menschen ans Herz legen kann! Traut Euch wenigstens einmal in Eurem Leben auf eine Fetisch-Party, traut Euch einmal im Leben in völlig unbekanntes Terrain und wenn ihr Euch darauf einlasst und mit offenem Herzen, offenen Augen und Ohren dabei seid, werdet ihr transformiert wieder nach Hause gehen! Ich persönlich bin sehr gespannt wie es weiter geht. Eines kann ich mit Sicherheit sagen: Der Ritt ist noch lange nicht zu Ende. Das war erst der Anfang…

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Erotikfuchs sagt:

    Bin beeindruckt! Hat echt Spass gemacht, die Story zu lesen.

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    1. Das freut mich sehr :-). Selbst Erfahrung mit solch einer Veranstaltung?

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      1. Erotikfuchs sagt:

        Leider nein, aber ich berichte gern 😉

        Gefällt 1 Person

  2. Ophelia sagt:

    Uhhh die Subrosa… 🙂 Fehlt mir noch auf meiner Liste, ich hatte Tickets, war dann aber leider krank. Im Mai ist die eigentliche, große – steht schon im Kalender bei mir.
    Sehr schön zu lesen, der Beitrag 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. 🙂 🙂 Ja, da freue ich mich auch schon drauf und bin gespannt auf alles weitere! Freut mich sehr zu hören!!1 Danke!!

      Gefällt 2 Personen

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