4. Mein Erstes Mal auf einer Play-Party

Sonntag, der 17.12.2017, der 3. Advent, 11.30 Uhr. 

Um 4.09 Uhr lag ich letzte Nacht im Bett, kurze Zeit danach hatte ich den besten Sex und den längsten Höhepunkt meines Lebens, um 5.00 Uhr machte ich die Augen zu, um 8.30 Uhr schlug ich sie wieder auf und war hell wach. Der Cocktail hat starke Nachwirkungen…

Zwei Wochen vorher… „Carte Blanche“ von SubRosaDictum rückt immer näher, meine Gedanken fahren bereits Karussell, meine Gefühle fahren bereits Achterbahn: was ziehe ich an? Drunter, drüber und überhaupt? Was ist angemessen? Wie weit wollen wir gehen? Wir kommen zu dem Schluss: wir können nicht wissen welche Erfahrungen wir erleben wollen, wenn wir nicht wissen, welche Erfahrungen wir machen können!

Mein Abendkleid lasse ich extra aus dem Kölner Theater meiner Mutter nach München transportieren, mein Mann besorgt sich extra eine Fliege, zwei sich ablösende Babysitter betreuen unsere Kinder… was für ein Aufwand für nur einen Abend.

Einige Tage vorher…schnell noch im Laden eine passende Haarblume besorgen, denn ich möchte, dass wir als Paar farblich abgestimmte Accessoires tragen. Wo kriege ich noch einen neuen Haarschnitt her? Das wollte ich doch eh schon seit einigen Monaten machen! Dann bekommen wir eine Nachricht von den Veranstaltern, denen ich vorab verraten habe, was mich reizen würde: „Wir haben da etwas mit Euch vor. Andy, stecke Dir bitte in Dein Jacket eine ausrangierte Krawatte.“ Ach Du meine Güte, worauf lassen wir uns hier ein? Hätte ich doch lieber meinen Mund gehalten! Wir sind aufgeregt, unruhig, nervös ohne genau zu wissen aus welchem Grund, denn die Veranstalter haben unser vollstes Vertrauen und sowie so ist uns bewusst, dass wir völlig frei sind in dem was wir an dem Abend tun.

Der Tag der Tage…Sagenhafte zwei ein halb Stunden vor Abfahrt beginnen meine Vorbereitungen und selbst das wird knapp. Ich genieße es in vollen Zügen: ausgiebig Baden, Rasieren, Nägel lackieren, Locken machen, schöne Strapsen aussuchen…. Es tut so gut sich einmal für Schönheit und Weiblichkeit bewusst Zeit zu nehmen. Schon bereits dafür lohnt es sich auf solch eine Veranstaltung zu gehen. Warum mache ich das eigentlich nicht öfters? Könnte ich dies nicht auch einmal grundlos tun, nur für mich, nur für uns? 

Da ich mit solchen Geschichten nicht so routiniert bin, muss ich drei Mal wieder zurück in die zweite Etage rennen: mein Nagellack ist wieder und wieder verschmiert, da ich keine Geduld habe ihn trocknen zu lassen. Ach herrje, ist das umständlich. Kein Wunder, dass ich das so selten mache. Aber sexy finde ich es allemal und es passt perfekt zu unseren Accessoires. Mein Mann ist in 20 Minuten fertig und wartet geduldig an der Haustüre, bis ich alles beisammen habe.

Nun aber raus in die Kälte durch den Schnee. Uns geht es ähnlich wie vor einem großen Auftritt. Ich steige ins Auto mit einem alkoholfreien, ambivalent wirkenden Cocktail im Magen: Abenteuerlust und Unsicherheit, Vorfreude und Unbehagen, Erregung und Skepsis. Die Hauptzutat ist jedoch eine ordentliche Portion Neugierde!

Vor zwei Stunden war ich noch so müde, dass ich nicht ohne einen Kaffee zu trinken aus dem Haus gehen wollte. Doch dieser spezielle Cocktail verleiht mir mehr Flügel als Red Bull es sich je erträumen kann. 

Angekommen. Wir parken direkt an der Villa, ich nehme mein Kleid aus dem Kofferraum, denn vor Ort kann man sich umziehen. Wunderbar, sonst hätte der Schnee und die Autofahrt seine Spuren hinterlassen. Eine innere Stimme ruft: „Hazel, Andy zur Hauptbühne bitte. Es ist Zeit für Ihren Auftritt!“ Die Wirkung des Cocktails steigt noch einmal an, doch Hauptzutat ist nun Nervosität. 

Nachdem wir unsere Tickets, Jetons und einen schönen Fächer erhalten habe – den ich im Laufe des Abends zu schätzen weiß – werden wir von einem charmanten Herren in die Räumlichkeiten, Regeln und Spielmöglichkeiten eingewiesen. Jeder Gast erhält eine gewisse Anzahl an Jetons, die unterschiedlichen Wert haben. Nun gibt es eine Art Börse, in der man Tauschgeschäfte oder Dienstleistungen einlösen kann. Den höchsten Wert hat es, wenn man gar seinen Partner ausleiht. Schwitz! „Ihr könnt Euch aber auch Jetons durch Glücksspiele wie Roulette oder Black Jack erspielen.“ Die Nervosität… wir suchen erst einmal die Toiletten. Danach ziehe ich mich um und schwapp, schlüpfe aus der Rolle der Qadratisch-Praktisch-Gut-Mama im Wollpulli in die Rolle einer eleganten Dame. Ich fühle mich wie in einem Schloss. Staunend und voller Wertschätzung sehe ich mich um. Denn ich habe selbst schon unzählige Veranstaltungen mit meiner Familie organisiert und durchgeführt und weiß, wie viel Arbeit und wie viel Liebe zum Detail hier drinnen steckt: Überall rosafarbene, wunderschöne Lilien, Kerzen, köstliche süße und herzhafte Knabberreien. Auch, wenn ich sonst auf eine gesunde Ernährung achte: Heute sind süße Sünden erlaubt! 

In der ersten Stunde von 20 – 21 Uhr trudeln alle Gäste ein: bunte, laute, junge, alte, schrille, leise, jeder auf seine Weise. 

Wir nehmen unsere Getränke mit und setzten uns in eine gemütliche Ecke an einen Hochtisch. Köstlicher Sekt wird serviert, den ich genüsslich trinke. Vielleicht etwas zu schnell, denn mir wird schwindelig und ich habe noch nichts gegessen. Wie gut, dass es eine Kuschelecke direkt hinter unserem Tisch gibt, hier kann ich mich kurz zurückziehen – so viele Eindrücke… Dea Levina, die Mentaldomina führt einfühlsame Gespräche mit uns als Neulinge und versucht uns die Nervosität etwas zu nehmen. Irgendwie hilft alles nichts und wir müssen ständig auf die Toilette. 

Endlich startet das Flying Buffett und uns wird ein delikates 5-Gang-Menü serviert, begleitet von hoch Interessanten Gesprächen. Immer wieder gesellen sich Pärchen zu uns und ich stelle viele Fragen. Wir sprechen offen und ehrlich über Beziehung und ihre und unsere Erfahrungen in der Fetisch-Szene. „Die Menschen auf den SRD-Parties sind schöner, als auf anderen Veranstaltungen dieser Art.“, sagt ein Pärchen, welches extra aus Österreich für den Abend angereist ist. „Hier seid ihr ja gleich in der Top-Liga eingestiegen!“, sagt ein anderer Mann.

Ein weiteres Paar ist bereits über 20 Jahre verheiratet, ihre vier Kinder sind mittlerweile aus dem Haus und hier leben sie ihre gemeinsamen Abenteuer aus, genießen sich sichtlich … inspirierend!

Hochwertigster Gaumenschmaus, anregende Bildung und traumhaftes Ambiente – was für ein Fest für die Sinne!

Je weiter der Abend voran schreitet, desto nervöser werden wir. Was mag hier wohl noch alles mit uns passieren? Und was haben sie mit uns vor? Wie viel Nervosität verträgt ein Mensch denn eigentlich noch? 

Als wir darauf hin angesprochen werden, dass es jetzt Zeit wäre mit zu kommen in den Spielbereich, muss Andy erstmal erneut auf die Toilette. Wir lachen laut auf. Zum Glück kommt uns ein weiter Gang „in die Quere“ und jetzt müssen erstmal alle wieder essen.

Nach dem köstlichen 4. Gang, wird die Musik etwas lauter und ich bewege mich mit ein paar Bekannten auf die Tanzfläche. Hmm… tut das gut, sich zur Musik zu bewegen. Meine Neugierde treibt mich weiter an und ich entdecke einen Mann mit Hut, der etwas gelangweilt auf einem Podest sitzt und über dessen Kopf ein Metallring baumelt. Ich frage ihn, was er vorhabe und er antwortet, dass er heute für das Fesseln zuständig sei, wenn sich denn endlich jemand einmal fesseln lassen würde! Er schaut mich erwartungsvoll an. Ich sage nichts. Schwitz! Zum Glück springt Dea Levina fröhlich vorbei und stellt sich zur Verfügung. Ich sehe gespannt zu, wie er hingebungsvoll Knoten für Knoten setzt. Keine fünf Minuten später und die nächste Überraschung kommt daher, denn als sie wieder frei ist, ertappt mich Susanne Wendel von Gesundgevögelt bei meinem geheimen Wunsch, dies auch einmal ausprobieren zu wollen. Sie sieht mich mit schelmischem Blick an und winkt den Herren zu mir. Noch mehr Schwitz!

Bereitwillig strecke ich ihm meine Handgelenke entgegen. Was soll`s: Es gibt für alles ein erstes Mal, so wie diese Nacht, das erste Mal für vieles werden sollte…

Er beginnt gekonnt mich kunstvoll zu fesseln und ich stehe völlig entspannt vor ihm, genieße es nichts machen und nichts denken zu müssen. Wie angenehm, wie sicher und geborgen man sich doch fühlt! Gleichzeitig bin ich völlig hilflos und verletzlich. 

Vorsichtig führt er mich die Treppe hinauf zu meine Mann, der oberhalb der Tanzfläche lässig am Geländer steht und zuschaut. Merkwürdig, dann so etwas schwer atmend (ich war wirklich fest verschnürt!) vor ihm zu stehen. Merkwürdig wie sich sofort meine Haltung ändert. Von der selbstbewussten, starken Dame zur … ?

In dem Moment hätte ich ihm, glaube ich, jeden Wunsch erfüllt, den er geäußert hätte.

Der Fesslungskünstler erklärt uns, dass man mit Bondage regelrechte Hochspannung erzeugen kann, wenn der Fesselnde alles auskoste, genieße wie sein „Model“ reagiere, die ein oder andere Stelle noch etwas fester ziehe und das ganze spielerisch sehe. Irgendwann sei der sehnlichste Wunsch der Frau nur noch gevögelt zu werden! Ja, das kann ich mir gut vorstellen und auch Andy findet die Vorstellung irgendwie neu und aufregend. Als ich dann wieder befreit werde und Knoten für Knoten gelöst wird, beobachte ich etwas an mir: Die Millisekunden, in der das Seilende leicht über die Haut fetzt, fühlen sich an wie ein heißes, erregendes Zischen. Ungewohnt und aufregend und irgendwie irritierend… 

Eine passendere Überleitung zu unserem nächsten Erlebnis gibt es nicht: Nachdem wir uns noch etwas über das Thema Bondages unterhalten haben, fällt es uns wieder ein.

Da sitzt uns doch noch etwas im Nacken: hier führt doch jemand was im Schilde mit uns? Und just in dem Moment tauchen Dea Levina und Susanne Wendel wieder auf und lächeln  uns schelmisch an… Jetzt haben wir keine Ausreden mehr!

Wir werden in den Spielbereich geführt und hier geht es bereits überall munter zu. Jetzt wird mir wirklich unbehaglich: Was haben sie nur mit mir vor? Als erstes verbindet mir jemand zielstrebig die Augen mit Andys Krawatte.

Ich sehe überhaupt rein gar nichts mehr und taste verzweifelt nach Andys Hand! Er reicht sie mir und ich greife dankbar zu. Wie intensiv sich auf einmal die Berührung anfühlt! Und wie laut es hier ist. Erstaunlich wie scharf auf einmal die Sinne werden, wenn man nichts sehen kann. All meine Aufmerksamkeit, alle Konzentration verlagert sich auf das Tasten, Hören, Riechen. Nun werde ich durch die verschiedenen Spielzimmer geführt. Es ist schön warm hier, ich höre viele Menschen atmen, leise Stöhnen, das Klatschen einer Peitsche ertönt links von mir und ich spüre sogar wie etwas Peitschenleder meine Schulter zufällig streift. Unsicher tapse ich Andy hinterher. Auf einmal bleiben wir stehen. Es ist angenehm still ist hier. Ich höre nur Flüstern, dann spüre ich weiches Fell über meine Arme streichen. Jetzt wird auf einmal mein Kopf sanft auf irgendetwas Weiches herunter gedrückt, sodass ich in gebeugter Haltung dar stehe. Bin ich aufgeregt.

Auf einmal spüre ich eine zaghafte Hand auf meinem Hintern, die vorsichtig streichelt, zupackt. Es fühlt sich gut an und ich wünsche mir noch viel mehr, meine Fantasie kennt auf einmal keine Grenzen.

Die Krawatte verschwindet von meinen Augen und ich blinzele. Einen Moment brauche ich, um mich an das sanfte, gelbe Licht zu gewöhnen. Ich blicke in grinsende Gesichter: „Wie war es?“ „Sehr spannend!“, ist meine Antwort und ich bin unheimlich dankbar für diese Erfahrung, doch weiter möchten wir erstmal nicht gehen.

Also bewegen wir vier uns leise aus dem Zimmer, um die anderen Geschehnisse nicht zu stören und das Gespräch im Flur weiter zu führen. SubRosaDictum: „In der Welt da draußen gibt es genug Hemmschwellen. Die hat man jeden Tag! Hier kann man sie gelassen übergehen, denn alles was an diesem Abend passiert, passiert in einem geschützten Rahmen und wird nicht in die Außenwelt getragen.“ 

Irgendwie wollen wir noch nicht nach Hause und Andy entschließt nochmals sich in den Spielzimmern umzusehen, sich inspirieren zu lassen. Zielstrebig nimmt er mich bei der Hand. Überall ist es schon etwas ruhiger geworden, einige sind bereits gegangen. Leise gehen wir durch die Zimmer und erhaschen hier und da einen Blick. In der ersten Etage, im gelben Zimmer, in welches auch ich „entführt“ wurde, ist keine Menschenseele. Wir setzten uns auf einen gemütlichen Sessel und auf einmal atmen wir beide gemeinsam erleichtert tief auf! Es ist so still und friedlich hier: unten dröhnt der laute Bass, draußen fliegen die Schneeflocken ununterbrochen vom Himmel und wir beobachten, wie die weiße Schneedecke Häuser, Straßen und Bäume umhüllt. Dieser intime Moment der Zweisamkeit wird so innig, so liebevoll, dass mir beinahe vor Rührung die Tränen kommen. Ich bin so unheimlich stolz auf uns, auf alles was wir zusammen gemeistert und erreicht haben und dass wir dieses neue erotische Abenteuer gemeinsam beschreiten.

Und während wir dort so sitzen, ich auf seinem Schoß, den Arm um seinen Hals geschlungen, wir kaum ein Wort sprechen, den Moment der tiefen Verbundenheit auskosten wie das Erbeer-Dessert vor zwei Stunden, kann ich mir auf der Welt nichts Schöneres vorstellen als genau in diesem Moment, an diesem Ort, mit diesem einen Menschen zu sein.

Mein Herz fühlt sich leicht und warm an. Und auf einmal ist es da: das Begehren. Ausgelöst durch einen einfachen immer leidenschaftlicher werdenden Kuss. Ich führe Andys Hand unter mein Kleid, langsam auf meine Brust und schmelze wie Eis auf glühender Lava dahin. Und wäre da nicht die offene Tür in unserem Blickfeld gewesen … Und wären da einige sympathische Menschen in ähnlichem Alter herein gekommen und hätten hinter sich die Tür fest abgeschlossen … wer weiß was dann alles passiert wäre. In diesem Moment wären wir wahrscheinlich für ganz vieles offen gewesen.

Einige Minuten später kommt ein Pärchen vorsichtig hinein. Sie haben einen konkreten Plan: die Frau stellt sich auf das große Kreuz in der Ecke und ihr Partner beginnt bewundernd um sie herum zu gehen, beginnt mit sanftem Spanking. Wir lehnen uns zurück, kuscheln uns innig aneinander und sehen mit großen Augen zu. Wir fühlen uns wie Kinder und nehmen einfach nur wahr. Neutrales Staunen. Erstaunlich, wie viel Liebe, Zärtlichkeit und Hingabe wir bei dem Pärchen spüren. Es ist wunderschön anzusehen. Genau das haben wir gesucht. Und hier gefunden …

Uns geht es genau wie die Maus in der Geschichte „Frederick“, die warme Sonnenstrahlen, leuchtende Farben und schöne Wörter für die langen, kalten Wintermonate sammelt. All diese Schätze werden uns noch unheimlich bereichern. Noch heute Nacht … beginnen wir die Nachtschicht …

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  1. Wahnsinn und !!!! so menschlich !!! mit jedem Gefühl. Toll.

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