12. Ich suche einen zweiten Mann: Die Auflösung und überraschende Wendung.

Endlich nach langem Warten antwortet Paul, den wir zu einem „MMF“ eingeladen hatten auf meine Nachfrage: „Hey Hazel, sorry, bei mir ist gerade viel los. Bei Euch scheint das Thema ja sehr präsent zu sein. Bei mir plätschert das eher so nebenher. Meine Freundin will auf jeden Fall damit vorerst nichts zu tun haben. Wünsche Euch, dass ihr Euer Ding findet und lese gespannt mit wie es weitergeht ;-).“

Ein bisschen habe ich es schon vermutet, denn er hätte sich ja sonst früher gemeldet. Daher war ich in der Zwischenzeit nicht untätig. Unser Forscherdrang ist einfach zu groß. Über das Portal „Joy-Club“ schreibe ich das ein oder andere Pärchen an, habe so eine nette Frau in meinem Alter kennen gelernt und wir treffen uns eines Abends.

Jule ist 26 Jahre alt, hat eine 5-jährige Tochter und ist mit ihrem Partner bereits sieben Jahre zusammen. Sie haben sich über die Sklaven-Zentrale kennen gelernt und beschreiben sich als „spießig aber offen“.

Ich lache auf, als ich das höre. Es gibt eine Sklaven-Zentrale? Die BDSM-Begriffe sind etwas gewöhnungsbedürftig aber ich kommen langsam darauf, dass diese Begriffe nicht aus der Luft gegriffen sind. Wenn die Fassade erstmal bröckelt, wenn die Maske erstmal herunter gerissen wurde und man in den Rollenspielen eintaucht, sprudeln auch aus mir ähnliche Begriffe und Sätze heraus. Plötzlich höre ich mich über Bestrafungen sprechen, drohen,… Es scheint bei allen Menschen ziemlich ähnlich zu sein. Sicherlich liegt es daran, dass es eine bestimmte weit verbreitete Dämonenart gibt, die sich in dunklen Ecken der Schlafzimmer aufhält.

Jule habe ich unter anderen zu verdanken, dass ich mich getraut habe all mein Selbstbewusstsein und meine Stärke in die Sexualität fließen zu lassen. Mehrmals an dem Abend spiegelt sie mir das wieder. „Ich habe schon auf dem Foto gesehen, dass Du wahrscheinlich eher die dominantere in der Beziehung bist und sicherlich bist Du auch laut beim Sex.“ Wie bitte? Das ist so offensichtlich? Woher weiß sie das? Ich fühle mich durchschaut und werde rot. Ja, da hat sie völlig Recht. Im „normalen Leben“ schon. Ich habe schon immer mehr die Hosen an und wenn ich Spaß habe, zeige ich das auch.

Eigentlich bin ich als Domina auf die Welt gekommen, wenn ich an Erzählungen meiner Eltern denke: Die Erste der nächsten Generation. Ein Wonneproppen. Alle haben mich permanent bedient und ich war die Herrscherin über sämtliche Erwachsene.

Doch bin ich bis dahin nie auf die Idee gekommen, das bewusst in der Sexualität auszuüben. Während diesen Abends fühle ich mich auf jeden Fall irgendwie ziemlich männlich. Es fühlt sich ein bisschen so an, als müsse ich dieses zarte, fast elfenhafte Wesen beschützen. Weil sie mir meine Dominanz wieder spiegelt? Weil ICH einfach so bin oder weil IHR das gefällt und ich mich anpasse? Bei Menschen bin ich ziemlich anpassungsfähig, gehe in Resonanz und wundere mich immer wieder über mich selbst und meine verschiedenen Persönlichkeiten. Das konnte ich schon in der Schule eher unbewusst gut nutzen und mich so jedem Lehrer anzupassen. Jeder hat eine andere Hazel bekommen.

Nachts wieder Zuhause angekommen, begrüße ich im Bett meinen schlafenden Mann mit einem Kuss, der immer leidenschaftlicher wird. Er überfällt mich regelrecht und fragt ohne die Antwort abzuwarten: „Wie war das Treffen? Waaas, ihr habt nicht wild geknutscht? Das ist doch das einzig interessante!“ Ich lache laut auf. Habe ich wirklich so einen versauten Mann geheiratet? Wie konnte mir das zehn Jahre lang nicht auffallen? Gibt es auf der Welt einen Mann, den diese Vorstellung NICHT anmacht?

Andererseits: Schon seit meiner Jugend ist mir bewusst, dass ich mich auch zu Frauen hingezogen fühle. Meine Mutter liebt seit 15 Jahren Frauen und daher hatte ich den Mut mir das schon damals einzugestehen. Erzählt habe ich das kaum jemand. Nur für mich als kleines Geheimnis mitgetragen. Wozu jedem auf die Nase binden. Meinem Mann habe ich das aber von Anfang an gesagt, denn ich wolle reinen Wein einschenken.  Erst vor Kurzem habe ich mich getraut das offen zu erzählen und es auch im Joy-Club angegeben (nach dem ich gesehen habe, dass fast jede Frau „bi-interessiert“ einträgt). Nichtsdestotrotz habe ich noch nie in meinem Leben Erfahrungen mit einer Frau gemacht.

Die Wochen vergehen und Jule und ich sind immer wieder über WhatsApp in Kontakt. Sie weiß wahrscheinlich mittlerweile mehr über mich, als viele Menschen in meinem Umfeld.

Dann ist es Freitag. Vormittags liege ich in der Badewanne. Plötzlich fällt mir ein, dass ich als Jugendliche häufig mir mit dem Duschstrahl eine kleine Freude bereitet habe. Das muss ich unbedingt kurz ausprobieren, bevor ich die Kinder abhole. Keine Ahnung, warum mir das gerade jetzt einfällt. Ich gebe zu: Nicht die umweltfreundlichste Selbstbefriedigungs-Variante aber viel warmes Wasser habe ich eh nicht gebraucht… hm, fühlt sich das gut an. Huch, das ging ja schneller als mit dem Vibrator?! Das muss ich öfters machen!

Nachmittags fahre ich meine Tochter zu einem Kindergeburtstag, komme dabei vier Mal an einem Swinger Club vorbei und weiß, dass in diesem Ort auch Jule wohnt. Genau an diesem Abend kommen wir lustiger weise ins Gespräch und stellen fest, dass wir beide heute ohne Partner Zuhause sind. „Hättest Du mal Bescheid gesagt!“, meint sie.

Irgendwann schickt sie mir ganz frech und spontan ein Foto von sich: Nackt bauchabwärts in der Badewanne. Ihre Hand bedeckt ihre Muschi. Ich starre auf das Bild.

Im nächsten Moment traue ich mich garnicht so richtig hinzuschauen. Bin total perplex. Eigentlich habe ich mit Nacktheit doch kein Problem. Darf mich das jetzt erregen oder nicht? Was habe ich denn auf einmal? Was antworte ich nur darauf? „Ich weiß irgendwie nicht welches Smily als Antwort auf das Bild passt.“ Sie schreibt zurück: „Gar keines. War eine spontane Aktion ohne Hintergedanken.“ Ob sie das mit mehreren Leuten macht? Ob ihr das wohl gefällt bei Menschen das Kopfkino anzukurbeln? Badewannen sind doch irgendwie etwas Hocherotisches, etwas Erotisierendes. Dies habe ich ja bereits am Morgen erfahren. Das nun der Tag auch so endet gibt ihm doch einen schöner Rahmen. Doch irgendwie bringt mich das alles etwas durcheinander.

Habe ich Angst die Kontrolle zu verlieren? Bisher war alles so klar: Bezüglich Sex gab es meinen Mann und mich. Punkt. Und jetzt ist alles so offen und unklar und ich weiß nicht was auf mich zu kommt. Es gibt so viele Möglichkeiten wie es Insektenarten gibt.

Kurze Zeit später, gegen 23 Uhr kommt Andy nach Hause. Er war noch mit ein paar Freunden in der Stadt unterwegs. Ich erzähle ihm davon, dass ich mit Jule geschrieben habe, ich viel gelacht habe und sie mir das Bild geschickt hat von ihr in der Wanne. Zeigen möchte ich es ihm nicht. Zumindest würde es mir nicht gefallen, wenn ich jemand im Vertrauen ein freizügiges Bild von mir schicke, und er/sie es irgendwo herum zeigt. Doch er fragt nicht mal danach und wir sind sehr müde und schlafen friedlich ein. Wir verabreden uns ins drei Stunden aufzuwachen und Sex zu haben. Dieser ganze Tag hat mich regelrecht erotisch aufgeladen. Mein Unterbewusstsein dreht bereits im Traum durch und ich sehe wilde Orgien vor meinem inneren Auge vorbei ziehen. Hat mich das Chatten mit Jule also doch erregt? Drei Stunden später bin ich hellwach. Ich rüttle meinen Mann auf. Doch Da liegt noch jemand!  Ist das nicht Jule? Auch wenn Andy sie noch nie gesehen hat: „Ihr beide in der Badewanne, mit viel Schaum, einem Glas prickelndem Sekt und vielleicht habt ihr Lust Euch zu berühren, zu küssen…“. Ich glaube die Suche nach einem zweiten Mann ist hiermit vorerst beendet und eine weitere aufregende Nachtschicht kann beginnen.

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