30. Mein Erstes Mal als Model auf einer Fetisch-Modenschau

Drei einhalb Wochen vor der großen Avantgardista-Modenschau bekomme ich eine Nachricht auf Instagram: „Wärst Du für die Modenschau noch verfügbar? Freue mich, wenn Du für mich mitläufst.“

Ich juble auf und tanzte im Zimmer herum, als ich das sehe. Damit habe ich überhaupt nicht mehr gerechnet!!

Bereits vor einem Jahr, als ich im Publikum saß, habe ich mir gesagt: Das nächste Mal mache ich mit, denn schon als Jugendliche bin ich für das internationale Team meiner Mutter bei der ein oder anderen Modenschau mitgelaufen und hatte einen riesen Spaß! Als klassisches Model habe ich mit meinem „normalen“ Körper keine Chance und sowie so bin ich mehr Musikerin als Model aber ich liebe es vor Publikum zu stehen, Stimmung zu machen, Schwung unter die Leute zu bringen und verrückt zu sein. Auch in der Schule hatte ich immer den Ruf ziemlich mutig und ausgeflippt zu sein und das habe ich in den letzten Jahren irgendwie zwischen Schwangerschaften und Kindererziehung etwas vergessen.

Die Zeit ist reif und der 20. Oktober ist der perfekte Zeitpunkt um der Welt zu zeigen, dass Hazel Singer wieder voll und ganz bereit ist die Bühnen der Welt zu betreten. Ein Hoch auf die unvernünftigen, stilvollen Verrücktheit und Untergang der alltäglichen Normalität! 

Mit Sara, der Designerin bin ich im stetigen Austausch und irgendwann fällt mir ein: Ach du meine Güte! Vielleicht sollte ich mal anfangen in High Heels sicher laufen zu üben?! Noch am selben Abend trage ich meine vier Paar Schuhe zusammen, säubere sie und verteile sie im ganzen Haus, um überall die Möglichkeit zu haben in sie hineinzuschlüpfen. Jeden Tag bewältige ich nun mindestens eine Stunde den Alltag in High Heels, bis ich bereits kleine Schürfwunden habe, schwebe durch die Küche, während ich die Kochlöffel schwinge, gleite erhaben und elegant zu den Mülltonnen vor dem Haus, führe geschäftliche Telefonate mit viel Selbstbewusstsein und habe mich noch nie so sexy gefühlt bei all diesen Tätigkeiten. Kaum zu glauben, wie sich nicht nur meine Körpergröße sondern auch mein Selbstbewusstsein augenblicklich anhebt. Kleider machen Leute? Aber hallo!!! Schuhe auch!

Wenn ich nur an den Tag der Aufführung denke, werde ich bereits hibbelig und nervös. Positiver Stress. Ich schaue Youtube-Videos an: „Laufstegtraining für Anfänger“, meine Kinder ahmen mich nach und stehen vor dem Spiegel um Posen zu üben…

Der Tag der Avantgardista: 

Die Outfits der internationalen Designer sind unglaublich, wunderschön, bahnbrechend und atemberaubend. Alles andere drum herum ist stressig, denn ich bin hoch sensibel und bekomme jede schlechte Laune, all die Konkurrenz unter den Models mit. Wie so oft spüre ich auch hier all die „Spielchen“ zwischen den Menschen. Noch vor einigen Monaten war meine Haltung noch ganz anders doch jetzt merke ich ganz klar: Ich bin viel zu sehr mit Leib und Seele Geschäftsfrau und Teamplayer und liebe es professionell zu arbeiten, sodass ich diese zwischenmenschliche Verführung und diese Spielchen unter den Menschen dort einfach nicht mitspielen kann und will. Mich strengt das an! Auch die Aufregung und den Stress der Veranstalter ist nicht zu übersehen. Doch ich habe Respekt und Verständnis vor dem gesamten Organisation-Team, anstatt zu meckern, wie die meisten. Was für ein riesiges Event sie hier doch stemmen müssen!  

Mein Auftritt verläuft so wie ich es mir vorgenommen habe: professionell und genau nach Plan. Als könne mich nichts und niemand auf der Welt aufhalten, gehe ich mit strammem Schritt und festem Blick geradewegs auf die vielen Kameras am Ende des Laufstegs zu, pose für drei Sekunden und mache kehrt. Dieser ganze Tag, all die Aufregung, all die Vorbereitung für ganze 21 Sekunden Show! 

Gegen 23.30 Uhr nachts sitze ich erschöpft am Küchentisch, seufze erleichtert auf und sage: „Ja, hat Spaß gemacht aber jetzt habe ich eine Illusion weniger im Leben!“

Letztes Jahr, sah ich diese Outfits, diese Models und dachte mir: „Ja, genau danach sehne ich mich. Ich möchte mich wild, unbändig, selbstbewusst, stark und sexy fühlen!“ Vor Staunen und Neugier konnte ich kaum schlafen, eine dicke Platte Eis aus Moral und Anstand begann die letzten 11 Monate Tag für Tag langsam, Tropfen für Tropfen zu schmelzen. Mit großen Glubschaugen saugte ich alles nur Erdenkliche auf, hing an den Lippen von Menschen, die sich frei auf Parties ausleben und nur mit Mühe und dank meines Berufes wurde ich nicht völlig in diese ganze Welt hineingesaugt und verschluckt. 

Los ging eine Reise, auf der ich Fantasien ausgelebt habe, die ich mir nie im Leben erträumt hätte, habe ich mich dank meiner Familie, dank Trainings, Coaching und Fortbildungen beruflich auf neue Bahnen begeben und auch hier Dinge erreicht, die ich mir bereits Jahre lang so sehr wünsche. Andy und ich haben uns intensiver kennen gelernt, die höchsten Hochs und tiefsten Tiefs erlebt, sind uns so viel näher gekommen, haben unsere Schattenseiten erforscht… Für das alles bin ich unendlich dankbar! 

Und nun, ein Jahr später, habe ich auch dieses Ziel erreicht bei dieser Modenschau mitzulaufen. Natürlich habe ich meinen 21-sekündigen Auftritt genossen, denn ich liebe es auf der Bühne zu stehen. Keine Frage! 

Doch irgendetwas ist diesmal anders, irgendwie fühle ich mich unbehaglich und fremd zwischen all den Menschen, die sich großteils schon lange kennen zu scheinen. Irgendwie fühlt sich so vieles nicht echt an.

„Wir sind alle frei und offen und wie eine große Familie.“ Wirklich?

Jetzt genau ein Jahr später nachdem meine Neugierde großteils gestillt ist und ich wie die kleine Raupe Nimmersatt, ziemlich voll und zufrieden auf meinem grünen Blatt sitze, sehe ich diese ganze doch so schimmernde „Fetisch-Welt“ auf einmal mit ernüchterten Augen und sehe hinter die Fassaden all der Verführung. 

Die Unverbindlichkeit, die manche sexuell leben, lässt keinen Raum für echte Nähe und Intimität.

Nimmt man den Menschen die Masken ab, schaut hinter Latex und Lack, vorbei an Funkeln und Glitzer, so sieht man ernste, traurige, ja auch frustrierte Gesichter von Menschen, die genau so auf der Suche nach dem ultimativen Erlebnis, nach einem Hoch, nach Ekstase, Freiheit und Glück suchen – so wie eben ein Großteil der „normalen“ Menschen dort „Draußen“ auch.

Der seelische Schmerz eines nicht ausgelebten Talents, eines verkannten Genies, lässt sich auch nicht von solch einer Party betäuben, er scheint nur für einen kurzen Moment erträglicher und wird überrannt von Hormonen und lauter Musik.

Auch der körperliche Schmerz, den man sich selbstbestimmt im BDSM zufügen lässt – dies habe ich selbst einige Male erfahren – scheint den seelischen Schmerz und den Frust kurze Zeit verschwinden zu lassen. Für einen Moment kehrt Frieden und Stille ein. Doch ist das wahr und macht es uns langfristig glücklich? 

Beim Spanking, bei diverser BDSM-Praktiken aber auch beim Grenzerfahrungen wie Bungie-Jumping werden Endorphine ausgeschüttet und die Menschen baden regelrecht in Adrenalin. Dies wird oft als „Der Kick“ beschrieben. Dieser Prozess läuft auch bei z.B. Marathonläufern ab, wenn sie nach der Überwindung einer kritischen Phase ungeahnte Kräfte entwickeln und es sogar Fälle gibt, bei denen ein Läufer ein gebrochenes Bein nicht bemerkt. Auch ich hatte vom Tragen der hohen Schuhe zwar bereits leichte Blasen an den kleinen Zehen, doch habe ich vor und während des Auftritts nichts davon gespürt.

Der biologische Prozess dahinter ist immer der gleiche: Hormone werden ausgeschüttet, die Menschen dazu befähigt Schmerzen auszuhalten, über sich selbst hinauszuwachsen und Grenzen zu überschreiten. Und ja, auch mich haben alle Erlebnisse mutiger, freier und selbstbewusster gemacht! Sexuelle „Befreiung“ ist ein wichtiger Schritt auf dem langen, niemals endenden Weg…

Doch was wäre wenn jeder stinknormale Tag im Leben so aufregend wäre, das man morgens schon mit pochendem Herzen aus dem Bett kriechen würde, als stünde man kurz vor einer Modenschau? Was wäre, wenn wir all unsere Intelligenz, Kreativität und Hingabe nicht nur in diesen einen Tag, diese eine Party stecken würden, sondern in unseren gesamten Lebensstil? Wenn Paare nicht nur hauptsächlich auf und durch Veranstaltungen Spaß am Sex hätten, sondern auch zu zweit miteinander forschen, sich hingeben und Lust aufeinander haben?

Was suchen wir in der Welt der Erotik, im BDSM, auf Fetisch-Parties, was wir im alltäglichen Leben NICHT finden? Was davon können wir in unsere Alltag integrieren?

Der perfekter Cocktail, der teuerste pollierter Desinger-Latex-Anzug, der traumhafte 5-Sterne Urlaub, sind alles vielleicht kurzzeitige „Hochs“ im Leben, die den Alltag erträglicher machen und die das Leben lebenswerter machen. Und versteht mich nicht falsch: es ist viel besser wenigstens kurze „Hochs“ und ein wenig Spaß zu haben, als nur mit schlechter Laune in der Ecke zu hocken und sich zu verstecken! Doch wenn jeden Morgen, an dem wir aufwachen, die Vorfreude und die Aufregung auf den neuen Tag und das Leben, größer ist als der Schmerz, dann haben wir, glaube ich, viel erreicht.

Daher führt kein Weg daran vorbei, sich der Frage zu stellen, wozu man auf dieser Welt eigentlich da ist. Was man mit diesem kostbaren Geschenk Leben anfangen will. Lebt man einfach so vor sich hin, arbeitet um seine Rechnungen zu bezahlen und sich ein paar kleine Freuden kaufen zu können oder geht man in Führung, erschafft etwas Neues, Einzigartiges, bewegt Menschen und Geld und wird zum Spieler, der im Schweiße seines Angesichts Tore schießt, statt nur zuzuschauen und zu kritisieren.

Und hier sitze ich nun am Küchentisch und bin fast ein wenig traurig und desilliusioniert. Dachte ich doch die letzten Monate einige Male, ich müsse in die Erotik-Branche beruflich einsteigen, so fasziniert war ich.

War ich doch überzeugt davon, dass all diese Menschen viel freier und glücklicher sein als ich selbst. Dass das feiern von wilder Orgien, das Fesseln und Schlagen alles Teile von mir sind, die ich unbedingt so oft wie möglich brauche, um zufrieden und glücklich zu sein.

Bereits im Januar 2018 sagte mir eine Bekannte, ein „alter Hasen“, die in sämtlichen Spielbeziehungen gelebt hatte: „Ich suche auch irgendetwas, aber ich weiß nicht was!“. Jule, jetzt weiß ich genau was Du suchst und Du bist nicht die einzige: einen erfüllenden Beruf, Freiheit, bedienungslose Liebe, echte Nähe, Authentizität und Intimität. In diesem Moment am Küchentisch wird mir die ganze große Verführung und Egoschmeichlerei klar, mit der so viele Marketingexperten und auch die Betreiber dieser und vielen weiteren Veranstaltungen spielen. 

Etwas wehmütig atme ich tief aus und merke einmal wieder mehr im Leben, dass ICH alleine dafür verantwortlich bin, mir ein Leben voller Abenteuer, Auftritte und Shows, erfüllte Sexualität und Ekstase zu erschaffen. Kein Veranstalter, kein Spielpartner, keine Party nimmt uns diese Aufgabe ab, auch wenn die Verführung groß ist und die Anziehung stark. Das alles ist lediglich Mittel zum Zweck. Immer wieder wird man auf sich selbst zurück geworfen.

Der Blick, der Ausflug in diese dunkle, facettenreiche und schimmernde Welt der Erotik hat sich gelohnt und ich bin sehr dankbar für all die lehrreichen und schönen Erfahrungen. Es war gut und wichtig, um meine schmutzige, wilde, erotische Welt zu erforschen. So habe ich einige weiteren Puzzleteile entdeckt, die ich gesucht habe, auf meinem Weg zu einem erfüllten und authentischen Leben. Doch weiß ich jetzt ganz genau, dass die Sexualität eben nur ein Bruchteil von dem ist, auf das es im Leben ankommt und dadurch bin ich nicht mehr so leicht verführ- und manipulierbar. 

Eine neue Hazel. Eine neue Reise. Seid gespannt wie es weiter geht…

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. transomat sagt:

    Das hört sich jetzt erschreckend nach einem Schlusswort an. Tue mir das bitte nicht an Hazel. Niemand hat so schön und authentisch über Erlebtes geschrieben und berichtete wie Du es bisher getan hast.
    Ich bin etwas süchtig nach Dir.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für Deine Worte und es freut mich zu hören. Ja, mit bestimmten Dingen habe ich tatsächlich abgeschlossen. Aber das fühlt sich gut an, denn alles andere ist Illusion. Keine Sorge, die nächste Geschichte ist schon in Planung und die Erforschung der Sexualität geht niemals zu Ende…

      Gefällt 1 Person

  2. transomat sagt:

    Puhhhh

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  3. transomat sagt:

    Bin ich froh Hazel

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