Ich bin keine Prostituierte!

Ein halbes Jahr lang habe ich nun 1 – 3 Mal monatlich einen Tag lang in einem Dominastudio gearbeitet. Die Anfangszeit war berauschend, aufregend und so erotisierend, dass ich meist wie ein ausgehungertes Tier spät abends zu meinem Mann ins Bett gestiegen bin und ihn regelrecht überfallen habe.

Mein Talent für Hingabe, meine Empathie und Authentizität waren meine Markenzeichen. Viele Männer kamen zu mir, die bereits viele Jahre nach Ihrer „Herrin“ suchten, mein Bild sahen und wussten, dass es bei mir anders zugeht als bei vielen anderen Dominas.

„So etwas wie mit Dir habe ich in meinem ganzen Leben noch nie erlebt.“

Sie sollten recht behalten, denn ich bin keine Frau für halbe Sachen und gebe immer 100%. Für jede Session bereitete ich mich bestmöglich vor und habe es bei fast jedem Mann geschafft ihn glücklich und befriedigt nach Hause zu schicken.

Manch einer denkt vielleicht die Arbeit als Domina sei einfach. Manch einer hat sicher das Bild vor Augen, dass man mit ein paar Schlägen und Kommandos, ein wenig auf dem Boden herumkriechen und Stiefel schlecken ein gutes Geld machen könne. Meiner Erfahrung nach ist das nicht so. Die Wünsche mit denen viele Gäste zu mir kamen waren oft sehr komplex und erforderten all meine Kreativität und all meine Anstrengungen. Oftmals gab es ein festes Bild im Kopf, sogar ganze Drehbücher, einige davon völlig konzeptionell…ihre Welt im Kopf. Sie entpuppen sich in Realität als unattraktiv und als utopisch umsetzbar. So gut wie jede Nacht, die ich nach Hause kam, hatte ich Schrammen, blaue Flecken und am folgenden Tag starken Muskelkater… und wilde, erotische Träume. Dadurch dass ich sehr anpassungsfähig und emphatisch bin, habe ich mich auf jeden Mann versucht voll einzulassen, ihn aufmerksam zu lesen und so die Session zu führen. Hazel mag keine Kompromisse – ganz oder garnicht. Diese Arbeit erforderte all mein Fingerspitzengefühl und meist wenig bis keine Schläge.

Ein viel größeres Bedürfnis der Gäste war es akzeptiert zu werden, sich fallen zu lassen und etwas Echtes und Gefühlvolles zu erleben. Dies konnte ich ihnen geben.

Mehr und mehr jedoch bemerkte ich etwas bei mir, was mich zunehmend erschreckte: Mein eigenes, mühevoll aufgebautes Business als Selbständige fing an zu bröckeln. Auf einmal erwischte ich mich bei dem Gedanken: „Als Domina verdiene ich eh viel mehr, warum soll ich mich mit solch „Kleinigkeiten“ beschäftigen.“ Ich begann unachtsamer mit Dingen umzugehen, fuhr Schrammen ins Auto, denn „ich kann ja jederzeit im Studio arbeiten und 1000 Euro verdienen an nur einem Tag.“ Kunden begannen abzusagen, ich verbrachte abends oft Zeit damit mich für die Studioarbeit vorzubereiten, anstatt mich um meine eigenen Projekte zu kümmern. Als schlussendlich sich langsam, wie eine stille, heimliche Schlange etwas in die Sexualität von Andy und mir zu bohren begann, begannen meine Zweifel zu wachsen. „Warum kann er Dich nicht so anhimmeln, wie Deine Kunden? Warum kann er Dich nicht ich als „perfekte“ Frau und als Königin bezeichnen?“ 

„Ist es Dir das wirklich wert, dass das starke Band, all das, was Andy und ich mir aufgebaut haben, mit meiner Domina-Arbeit zerstört wird?“, fragte ich mich, als ich mich bei diesen Vergleichen erneut ertappte und augenblicklich schuldbewusst bei ihm entschuldigte.

Erst unbewusst und immer bewusster verglich ich Andy mit meinen Kunden und begann mein Herz für ihn zu verschließen.

War ER es nicht, der mich damals im Sommer 2018 immer wieder ermutigte, mich im Studio zu melden und meiner Neugierde zu folgen? Es gab Phasen in unserer Sexualität, in denen hat er es sehr genossen von mir dominiert zu werden und ich sah es auch als Möglichkeit in dem Bereich für uns beide etwas dazuzulernen. Doch ich hatte mir fest vorgenommen mich und uns genau zu beobachten, dies alles für mich als spielerisches Experiment zu betrachten. Je länger ich im Studio arbeitete, desto weniger wollte er von all dem wissen, desto mehr schreckten ihn manche Kundenwünsche ab und eine kühle, ungewohnte Distanz entstand zwischen uns körperlich.

Kurz nach Pfingsten und einem wunderschönen gemeinsamen Familienurlaub stand der nächste Termin im Studio an. Andy und ich saßen in einem liebevoll eingerichteten Café auf einem Strohballen zu zweit ganz entspannt beieinander und auf einmal viel es mir wie ein Stein vom Herzen: „Schatz, ich kann das nicht mehr. Ich bin keine Prostituierte. Das passt nicht zu mir: Dieses Milieu, diese Stimmung, diese Schattenwelt…“

Und er antwortete auf eine so liebevolle Art, dass mir beinahe die Tränen kamen: „Ja, ist okay, vielleicht passt es nicht zu Dir, doch es passt so sehr zu Dir, dass Du verschiedene Sachen ausprobierst. Jetzt mache das Beste draus und habe Spaß. Sonst ist niemand geholfen.“

Ich hatte noch ein paar Termine fest vereinbart, viele Stammenkunden und wollte diese auch wahrnehmen und nicht kurzfristig absagen, doch ich merkte, wie es mich zunehmen anwiderte wild fremden Männern einen herunter zu holen. Bin ich doch einfach Mittel zum Zweck und muss dafür sorgen, dass all ihre Wünsche erfüllt werden. Zwar heißt es, dass die Domina den Sklaven für ihre Lust benutzt, doch für mich hat es sich irgendwann genau andersherum angefühlt. Wie viele Listen und Geschichten habe ich bekommen und sie bestmögliche umgesetzt, musste eine Rolle einnehmen, um eine langgehegte Fantasie in die Realität umzusetzen. Die Zeit verging… und das ein oder andere Mal saß ich danach weinend und so „leer“ in der Küche. „Ich verkaufe meine Körper doch hier gerade. Meine Weiblichkeit, meine Reize werden genutzt und damit verdiene ich Geld.“

Sicherlich drei volle Tage dauerte es nach so einem Tag, bis ich wieder körperlich „auf die Beine“ kam. Ausgelutscht, ausgesaugt und völlig verausgabt bewältigte ich hinterher den Alltag. Zusätzlich: Ein Tag im Studio kostete mich fast eine Woche Konzentration und Focus auf mein eigenes Business. Ein hoher Preis. 

Auch das Ambiente und die anderen Kolleginnen, viele davon fies, intrigant, perspektivlos und abgestumpft, konnte ich irgendwie nicht mehr ertragen. Eines nachts träumte ich davon, dass zwei der Dominas heimlich, während ich eine Session hielt, meinen Laptop, mein Portemonnaie, sowie mein Handy stahlen. Ich hatte so furchtbare Angst vor ihnen und wachte schweißgebadet auf…

Ja, stand ich sogar das ein oder andere Mal morgens vor dem Spiegel und habe mich selbst kaum wieder erkannt. Ich fühlte mich nicht mehr wie ich selbst! Fiesheit schlich sich in meinen Blick.

Die gespielte Verachtung gegenüber Männer, die sie sich selbst oft wünschen und die viele Kolleginnen für Männer teilweise ehrlich empfinden, erhielt Einzug in meine Gedanken und dies erschreckte mich zunehmend. Dies spiegelte mir auch meine Mutter glücklicherweise wieder, als sie mich eines Tages besuchte: „Hazel, Du bist top ausgebildet. Du kannst alles mögliche machen! Willst Du das denn weiter machen?“

Als dann zum Beginn des Sommers mir ein großes Projekt angeboten wurde, nahm ich dies als Sprungbrett, um endgültig zu entschließen die Zeit im Studio zu beenden.

Ich hatte alle Hände voll zu tun und keine Zeit nur ansatzweise an die Arbeit als Domina zu denken. Ich bin mit Leib und Seele Geschäftsfrau und Unternehmerin,  möchte etwas auf dieser Welt mit meiner Arbeit bewegen und etwas aufbauen, wovon meine Kinder noch Früchte ernten können. Als Domina ist das nicht möglich, außer man bleibt in dem Segment und baut sich dort einen Kundenstamm auf.

Ich habe Dinge erlebt, glaubt es mir, von denen so manch ein Mensch nicht einmal zu träumen wagt, habe Männer in pure Ekstase versetzt und mit Hingabe und Liebe in kürzester Zeit all mein Schauspieltalent und meine Inszenierungskunst geltend gemacht.

So wild, so leidenschaftlich und lustvoll doch manche meiner Erfahrungen waren, so sehr ich es genossen habe rund um begehrenswert, machtvoll, ja sogar als Göttin und Inbegriff der perfekten Frau aufzutreten und bezeichnet zu werden, ist mir andererseits bewusst, dass dies lediglich meinem Ego schmeichelt.

Ja, ich liebe Macht und Dominanz, ich liebe Schauspiel und ich liebe Sinnlichkeit und Erotik nach wie vor wie eh und je, doch ich werde hierfür neue und unbekannte Wege beschreiten. Ich werde Möglichkeiten finden, die für uns als Paar gemeinsam funktionieren. In aller Dankbarkeit für die Erlebnisse und Erfahrungen verlasse ich diesen Weg. Neue Geschichten wollen geschrieben werden, neue Welten wollen sich auftun und Hazel ist bereit für aufregende Abenteuer!

Noch bevor ich dazu komme, Euch von meinen Erlebnissen als Domina zu schreiben, ist meine Zeit im Domina-Studio bereits beendet!

(flüsternd) Und vielleicht ist es auch gut, wenn sie als kleine dunklen Geheimnisse in einem schwarzen Samtkästchen in einer Ecke langsam verstauben. Denn: Ich bin keine Prostituierte und möchte es auch nie wieder sein!

Seid gespannt wie es weiter geht und lasst uns die nächste Nachtschicht beginnen…

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Christian_who sagt:

    Liebe Hazel, es tut so gut von Dir zu lesen. Ich danke Dir dafür das Du uns an Deinen Gedanken, an Deinem erlebten teilhaben lässt. Du hast da Dinge formuliert die ich, auch wenn es Dominas gibt die ich wirklich verehre, sehr gut nachfühlen kann. Du hast sehr mutig diese Erfahrung gemacht, bewahre es Dir.
    Ich bin sehr gespannt was jetzt kommt. Ich hoffe sehr das Du Deine Leser und virtuellen Verehrer und Freunde auch daran teilhaben lässt.
    Hazel, Du bist eine tolle Frau !

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  2. 64er sagt:

    Geh DEINEN Weg.
    Ich habe den Eindruck Du hast für Dich Erfahrung gesammelt, wie wertvoll diese ist wird die Zeit zeigen.
    Zu reflektieren und zu erkennen, dass Du Dich in eine Richtung entwickelt hast die Du nicht willst, daraus Deine Schlüsse zu ziehen und zu handeln zeigt wieviel Stärke in Dir liegt

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